St. Johanneskirche zu Reichenbach O/L

Ev. St. Johanneskirche zu Reichenbach O/L

Erbauer: Friedrich Ladegast 1866
Rekonstruktion und Restauration:
Jehmlich Orgelbau Dresden GmbH 1999-2000
Spieltraktur: mechanisch
Registertraktur: mechanisch
Ladensystem: Schleifladen


Disposition:

   
I. MANUAL C-f'''
  II. MANUAL C-f'''
  1. Bordun
16'
    9. Viola di Gamba
8'
  2. Principal
8'
  10. Flauto traverso
8'
  3. Doppelflöte
8'
  11. Gemshorn
4'
  4. Flauto amabile
8'
  12. Zartflöte
4'
  5. Principal
4'
  13. Doublette
3' + 2'
  6. Octave
2'
   
  7. Mixtur
III
   
  8. Cornett
III
   
 
   
PEDAL C-d'
  NEBENZÜGE
14. Violon
16'
  Manualkoppel
15. Subbass
16'
  Pedalkoppel I/P
16. Cello
8'
  Calcantenglocke
17. Bassflöte
5 1/3'
  vacat
 
   

 

Anmerkung zur Restaurierung des Instrumentes (1999-2000)
von Andreas Hahn (Jehmlich Orgelbau Dresden)

 

Zustand vor der Restaurierung (1994)Jede Orgel verfügt über eine ihr eigene Biographie. Nur selten kommt es vor, daß diese Biographie bei historischen Orgeln frei von Brüchen ist, wie wir es uns in unserer Idealvorstellung vielleicht wünschen würden. Auch die Ladegast Orgel zu Reichenbach ist hiervon betroffen. Auch ihre Biographie weist Brüche auf. Zur Fertigstellung und Abnahme der Orgel am 12. März 1866 freute sich der begutachtende Sachverständige Herr Organist F.W. Görmar aus Görlitz, "daß die Kirchgemeinde endlich in den Besitz eines so vorzüglichen Meisterwerkes gekommen ist", denn "lange genug hat dieselbe den Genuß eines erbaulichen Orgeltons entbehren müssen." Wie lange mag diese Freude wohl angehalten haben? Der I. Weltkrieg raubt dem Instrument seine Prospektpfeifen aus Zinn. Sie werden für die Kriegswirtschaft eingeschmolzen. 1920 werden diese zwar durch Nachbauten aus Zink ersetzt, jedoch sind ihre klanglichen Eigenschaften nicht mit den verlorengegangenden Pfeifen aus Zinn zu vergleichen. Der sich im Laufe der Jahrzehnte wandelnde Klanggeschmack fordert zusätzlich seinen ersten Tribut. Das der originalen Disposition zugehörige Register Viola di Gambe 8' wird durch eine Aeoline 8' ersetzt. Bis in das Jahr 1935 hatte sich soviel Kritik an der Orgel angestaut, daß der Bezirksobmann im Landesverband der evang. Kirchenchöre Schlesienes und Organist der Peterskirche in Görlitz Herr Wenzel schreiben konnte: "Die alte Disposition entspricht in keiner Weise mehr den Anforderungen, die heute an eine Orgel, auch in kleinen Gemeinden zu stellen sind." Drastischer noch drückte sich schon zuvor am 9. November 1934 der Orgelsachverständige Otto Burkhart aus Breslau in einem Brief an die damalige Reichenbacher Organistin Erika Nowack aus: "Ihre Orgel ist ja geradezu ein Monstrum an Disposition. Der Orgelbauer der eine solche Orgel gebaut hat, hat sicherlich schlecht intoniert, ja wahrscheinlich auch schlechtes Material verwendet. ... . Ich wünsche Ihnen, daß die Gemeinde Ihnen ihre Liebe für Ihre Arbeit dadurch belohnt, daß sie Ihnen diesen Jammerkasten durch Änderung der Disposition verbessert. Am besten, man trüge noch einhundert Holzwürmer in die Orgel hinein und überließe sie ihnen zum Fraß." Sein Urteil fällt vernichtend aus. Möglicherweise hat er die Orgel nie zu Gesicht bekommen und bildete sich sein Urteil allein auf Grund schriftlicher Angaben, die er von der Organistin erhalten hatte. Der Argumente waren jedoch genug gesammelt und man schritt zur Tat, um das Instrument grundlegend in seiner klanglichen Erscheinung zu verändern. Die Disposition wurde im Sinne des Zeitgeschmacks abgeändert. Sicherlich wurde auch in Erwägung gezogen das Instrument durch einen Neubau zu ersetzen. Ganz soweit kam es glücklicherweise nicht. Nach der Umdisponierung im Jahre 1935 waren 5 der insgesamt 17 Register vollständig ersetzt worden (Violon 16', Cello 8', Baßflöte 5 1/3', Viola di Gambe 8' und Dublette 3'+2') andere wurden umgearbeitet und umbenannt (Doppelflöte 8' wurde zu Doppelgedackt 8', Flauto traversa 8' wurde zu Holzflöte 4', Cornett wurde zu Sesquialter 2fach). Die originale Kastenbalganlage verschwand und wurde durch einen Doppelfaltenmaganzinbalg mit Schöpfer ersetzt. Das Problem des mit einem Viertelton (452Hz) über Normal (440 Hz) liegenden Kammertons in dem die Orgel eingestimmt war, wurde durch Eingriffe in die Traktur, Vorbau von zusätzlichen C Pfeifen im I. Manual und Nachrücken von Pfeifen im II. Manual gelöst.

Blick auf die Empore während der Restaurationsarbeiten Dies war der vorfindliche Zustand des Instrumentes als man begann sich Gedanken über eine grundlegende Restaurierung zu machen. Fast sieben Jahrzehnte nach dem Umbau war es notwendig geworden das Instrument grundlegend zu restaurieren. Mittlerweile war auch das Bewußtsein dafür gewachsen, daß der Umbau von 1935 als Modernisierungsmaßnahme zu verstehen war, die den ursprünglichen Intentionen des Erbauers entgegenstand und wieder rückgängig gemacht werden sollte. Von Seiten der Kirchgemeinde, dem Landesdenkmalamt und der mit der Ausführung der Arbeiten betrauten Firma Jehmlich Orgelbau aus Dresden herrschte Einigkeit darüber, daß die Orgel unter Beachtung strengster denkmalpflegerischer Kriterien zu restaurieren sei.
Das erarbeitete Restaurierungskonzept schloß die Rekonstruktion des verlorengegangen Originalbestandes des Pfeifenwerks, sowie die Wiederherstellung der originalen Disposition ein. Die Orgel sollte in den vom Erbauer geschaffenen Originalzustand zurückversetzt werden, um sie in ihrer ursprünglichen Klanggestalt wieder erlebbar zu machen. Um dies zu gewährleisten waren vor Beginn der Arbeiten umfangreiche Recherchearbeiten zu leisten. Zwar sind die originalen Kostenvoranschläge für die Orgel, sowie ein umfangreiches Abnahmegutachten aus dem Jahre 1866 , aus denen jeweils wertvolle Informationen über den Originalzustand entnommen werden konnten vorhanden, jedoch reichten diese Quellen nicht aus, um alle Fragen die Disposition, die Bauform und Mensuren der fehlenden Register und deren Aufstellungsort in der Orgel zu beantworten. Um Rückschlüsse auf den Originalzustand der Reichenbacher Orgel ziehen zu können, wurden noch weitestgehend im Originalzustand erhalten gebliebene Schwesterinstrumente aus der gleichen Schaffensperiode Ladegasts besichtigt. Vorbilder für die zu rekonstruierenden Register Violon 16', Cello 8', Gambe 8' lieferten hierbei insbesondere die Ladegastorgeln in Zöschen (1863, II Man./18 Register), für die Baßflöte 51/3' die Ladegastorgel in der St. Marien- Magdalenenkirche in Naumburg (1869, II.Man./23 Register) und für das Register Dublette 3' + 2' die nicht mehr erhaltene aber ausführlich beschriebene Orgel im Wiener Musikvereinssaal aus dem Jahre 1870. Insbesondere für die letzten beiden Register war es etwas schwierig geeignete Vorbilder zu finden, da sie in der Art, wie sie in der Reichenbacher Orgel vorhanden waren, nicht häufig von Ladegast gebaut wurden. Die Orgel verfügt über insgesamt 982 Pfeifen. 619 sind davon in Metall gefertigt, 363 in Holz.

Einbau der grössten Pfeife - Violon 16' C (5,45 m)Teile des rekonstruierten PedalpfeifenwerkesDie Größte Holzpfeife weist eine Länge von über 5,2 m auf. Rekonstruiert werden mußten insgesamt 112 Holzpfeifen und 187 Metallpfeifen. Darin eingeschlossen sind die 35 Prospektpfeifen. Sie wurden in originaler 14löthiger Zinnlegierung hergestellt. Vom Originalbestand des Pfeifenwerkes von 1866 sind somit noch rund 70% erhalten. Alle pneumatischen Zusatzaparate und deren Ansteuerung wurden aus der Orgel entfernt. Die Tontraktur des Tones f3 im II. Manual wurde rekonstruiert. Die nicht mehr im Original vorhandenen Wellenärmchen in der Tontraktur für Ansteuerung der Pedalventile mußten in orignaler Bau- und Holzart rekonstruiert werden. Die Pedalwindladen wurden ausgebaut und in der Werkstatt überarbeitet. Ein früher entstandener Wasserschaden hatte die Verleimung der Fundamentböden gelöst, so daß diese notdürftig mit über 100 Schrauben befestigt gewesen waren. Die Fundamentböden wurden wieder mit Warmleim aufgeleimt und die Schraubenlöcher mit Holzdübeln zugesetzt. Die Pfeifenstöcke der umgearbeiteten Register mußten wieder in ihre originale Gestalt zurückversetzt werden. Keine leichte Aufgabe, galt es doch einem Puzzlespiel gleich herauszufinden welcher Pfeifenstock welchem Register zuzuordnen sei und welche Bohrung eine originale ist und welche eine späterhin veränderte. Dies Alles mußte dann noch in Einklang mit den Resten der originalen Pfeifenhalter und deren Auflager am Gehäuse gebracht werden. Um die Pfeifen der rekonstruierten Register Violon 16' und Cello 8' auf ihre angestammten Plätzen auf den Pedalwindladen unterbringen zu können, mußte die 1935 geänderte Windkanalführung zu den Manualladen wieder rückgängig gemacht werden. Neben der Balganlage aus dem Jahre 1935 die beibehalten wurde, wurde ein neuer Orgelmotor in einem schallisolierten Kasten installiert. Aus dem Spielschrank wurden alle elektrischen Schaltelemente entfernt. Ein Porzellanmaler fertigte neue Porzellanschilder für die rekonstruierten Register.

Spielschrank nach der RestaurierungDie Überarbeitung der farblichen Fassung des Orgelgehäuses, sowie der zwei aufgesetzten Engelfiguren erfolgte durch die Restauratoren Anke und Jan Großmann. Gerungen wurde um die Entscheidung welcher Art die Stimmtonhöhe des Instrumentes sein sollte. Erst im Laufe der Arbeiten hatte es sich zur Überraschung aller Beteiligten herausgestellt, daß die Orgel ursprünglich auf 452 Hz eingestimmt war. Spuren am originalen Pfeifenwerk ließen nur den Schluß zu, daß die Orgel im sogenannten Berliner Kammerton von 1858 eingestimmt war. Seit den 20er Jahren des 19.Jh. gab es Tendenzen die Kammertonhöhe kontinuierlich zu steigern. Dies war vor allem dem Bestreben geschuldet dem Orchesterklang mehr Brillianz zu verleihen. Erst 1885 einigte man sich auf der Wiener Stimmtonkonferenz dieser Tendenz der Überhöhung Einhalt zu gebieten und legte den Kammerton auf 435 Hz fest. Die Wiedereinrichtung des Kammertons von 452 Hz hätte eine wesentliche Einschränkung der musikalischen Nutzungsmöglichkeiten, insbesondere im Zusammenspiel mit anderen Blasinstrumenten zur Folge gehabt. So einigte man sich hier auf einen Kompromiß. Teile des Pfeifenwerkes, die auch schon 1935 nach dem Davorstellen einer Pfeife in den einzelnen Registern und Nachrücken der Folgepfeifen gekürzt worden waren, wurden angelängt. Somit konnte annähernd eine Kammertonhöhe im Bereich der heute üblichen 440 Hz erreicht werden. Rund 3000 Arbeitsstunden wurden geleistet. Um dem Zahn der Zeit entgegenzuwirken, um die Spuren eines (hoffentlich) erloschenen Zeitgeistes zu beseitigen, und nicht zuletzt um damit die Brüche in der Biographie des Instrumentes zu glätten. Mögen an den Schluß die Worte gestellt sein, die schon den Abschluß des Revisionsprotokolls vom 22. März 1866 bildeten. "Das Werk, zur Ehre Gottes bestimmt, möge bis in ferne Zeiten vor Zerstörung behütet bleiben, und so den Zweck erfüllen, zu welchem es bestimmt ist.

Dresden, den 31. Mai 2000
Andreas Hahn