Barockkirche zu Warlitz

Barockkirche zu Warlitz

Erbauer: Johann Georg Stein ca. 1768
Restaurierung:

Jehmlich Orgelbau Dresden GmbH 2003
Orgelbauwerkstatt Wegscheider

Spieltraktur: mechanisch
Registertraktur: mechanisch
Ladensystem: Schleifladen


Disposition:

   
I. MANUAL C,D-c3
   
1. Gedackt
8'
     
2. Quintadena
8'
     
3. Flauto traverso
8'
     
4. Principal
4'
     
5. Saliciena
4'
  Bass und Diskant geteilt  
6. Oktave
2'
   
7. Tertian   2fach
   
8. Mixtur   3fach
   
9. Dulcian
8'
  Bass und Diskant geteilt
Tremulant      
       
Angehängtes Pedal C,D-c1   Taste Cis als Leertaste vorhanden
       

 

Die Ausführung der Restaurierungsarbeiten erfolgte durch die beiden Dresdner Firmen, Jehmlich Orgelbau und die Restaurierungswerkstatt Kristian Wegscheider. Die Restaurierung des Pfeifenwerkes und der Windlade erfolgten durch die Fa. Wegscheider. Alle weiteren Arbeiten wurden durch Fa. Jehmlich ausgeführt. Die Intonation erfolgte in Zusammenarbeit mit dem freischaffenden Intonateur Reinhard Schäbitz.

 

Zur Restaurierung der J. G. Stein Orgel in Warlitz
Auszüge aus dem Restaurierungsbericht von Andreas Hahn (Jehmlich Orgelbau Dresden)

Orgelprospekt nach der RestaurierungDie Warlitzer Orgel ist wieder zu neuem Leben erwacht. Um dies sagen zu können, musste sie erst einmal ihren Atem ausgehaucht haben und fast in Vergessenheit geraten sein. Wiederentdecktes wird oftmals mehr gewürdigt als etwas, das beständig in unserem Bewusstsein lebendig ist. Rückblickend mag es erlaubt sein zu formulieren, dass wir es auch als einen Glücksumstand bezeichnen können, dass das Instrument über annähernd fünf Jahrzehnte vernachlässigt und fast vollständig aus dem Bewusstsein der Umwelt entglitten war. Es schlummerte einen Dornröschenschlaf. Niemand fand sich im Umfeld, der sich darum kümmerte, es am Leben zu erhalten oder ihm neuen Atem einzuhauchen. Geschah es aus Unkenntnis über dessen Wert? Waren es Interesselosigkeit oder auch nur die (Geld-) Not der Zeit? Was immer die Gründe gewesen sein mögen, sie führten dazu, dass der Zahn der Zeit an Kirche und Orgel heftig nagen konnte. Vielleicht waren die Nöte der Zeit aber auch Schutz und Schild, um das Instrument vor noch Schlimmerem zu bewahren. Man respektierte es an seinem Ort und niemand kam auf den Gedanken, es durch etwas "Neues" zu ersetzten, wie es an manch anderen Orten der Fall war. Dieser Verlust blieb uns erspart Als die Zeit reif war den Dornröschenschlaf zu beenden, führten glückliche Umstände und großzügiges Engagement dazu, diese(n) Orgel(-schatz) wieder ins Bewusstsein zurück zu holen und ihm neues Leben ein zu hauchen.

Archivalische Unterlagen zur Entstehungsgeschichte des Instrumentes sowie für die Zeit nach seiner Erbauung sind nicht erhalten geblieben. Bis in das Jahr 2000 hinein galt der Erbauer des Instrumentes als unbekannt. Jan von Busch gelang die Zuordnung zur Werkstätte Steins. Dies ist um sehr mehr von Bedeutsamtkeit, da aus dem Schaffen J.G. Steins nur ein weiteres Instrument (Trebel) weitestgehend unverändert erhalten geblieben ist. Bedeutsamkeit erlangt das Warlitzer Instrument weiterhin durch sein Eingebettetsein in den stilrein erhaltenen Kirchbau. Angelegt im Rokkokostil, zeugt die künstlerische Handschrift der Erbauer von hohem Einfühlungvermögen und großer künstlerischer Sicherheit. Fertiggestellt wurde das Instrument wahrscheinlich um 1768 im Zusammenhang mit der Vollendung der Kirche. Für die mecklenburgische Orgellandschaft in höchstem Maße bedeutsam ist u.a. das Register Dulcian 8', welches das älteste erhaltene seiner Art in Mecklenburg darstellt. Gleiches trifft auf das Register Tertian 2f. zu, das zudem als repetierende Kleinmixtur in Norddeutschland insgesamt sehr selten vorfindlich ist. Auch die Salicena 4' ist von enormem Seltenheitswert. Weiterhin besitzt der im Originalzustand erhaltene Wippfeder-Auslaßtremulant hohen Seltenheitswert. Über Reparatur- und Wartungsarbeiten ist wenig bekannt. Wie aus einer Gehäuseinschrift zu erkennen ist, wurde die Orgel nachweislich 1813 durch Friedrich Friese (I) repariert. 1875 wurde das Instrument durch Friedrich Friese (III) um ein angehängtes Pedal erweitert. 1917 wurden die Prospektpfeifen aus Zinn, wie vielerorts, für die Kriegswirtschaft abgeführt. Anschließend wurden die Prospektfelder mit Tüchern abgehängt. Im Laufe der Geschichte wurde das Instrument mit einem Dach und einem verschließbaren zweitürigen Spieltischvorbau versehen. In den 1950er Jahren dürfte das Instrument das letzte Mal geklungen haben. Vor Beginn der Ausbauarbeiten 2001 wurde das Instrument in einem stark verwahrlosten Zustand und unspielbar vorgefunden.

Die Restaurierungsmaßnahmen

Der Einhaltung orgeldenkmalpflegerischer Kriterien wurde gemäß der kulturhistorischen Bedeutung des Instrumentes oberste Priorität beigemessen. Das Restaurierungskonzept sah vor, die Orgel weitestgehend auf ihren ursprünglichen Zustand zurückzuführen, sofern dieser nachweisbar war. Als gewachsener Bestand wurde das angehängte Pedal erhalten. Gebrauchsspuren und Patina, die Teil der Ausstrahlung des Instrumentes ausmachen, wurden nicht beseitigt. Anspruch der Restaurierung war es nicht, vorfindliche Unzulänglichkeiten in der Materialauswahl sowie der Verarbeitung des Erbauers unseren handwerklichen Ansprüchen gemäß zu verändern. Das Instrument in seinem unrestaurierten und über Jahrzehnte unberührten Zustand wurde trotz der Verwendung von - aus unserer Sicht - Materialien teilweise geringerer Güte und minderer Verarbeitungsqualität als Glücksfall eines erhaltenen Instrumentes angesehen, welches als Zeitdokument höchsten Respekt verdient.

Das Pfeifenwerk

Viel Aufwand erforderte die Restaurierung des Pfeifenwerkes und die Rekonstruktion der fehlenden oder nicht wieder verwendbaren Pfeifen. Das Instrument verfügt über insgesamt 566 Pfeifen. Davon sind 334 ohne Modifikationen im Originalzustand erhalten geblieben. Dies entspricht einem Erhaltungsgrad von 59 % an Originalsubstanz. 85 Pfeifen wurden neu hergestellt (davon allein 45 für den Prospekt). Dies entspricht einem Anteil von 15% bezogen auf den Gesamtbestand. An den restlichen 26 % des Pfeifenwerkes wurden im Rahmen der Restaurierung kleinere Modifikationen vorgenommen. Dabei handelte es sich u.A. um die Anlängungen von Metallpfeifen, um diese auf Tonhöhe einstimmen zu können oder um den Austausch einzelner, übermäßig stark vom Holzwurm zerfressenen Seiten bei Holzpfeifen. Im Register Dulcian 8' mussten zusätzlich verwurmte Zungenstiefel und Köpfe rekonstruiert werden. Das Pfeifenwerk erwies sich als äußerst dünnwandig und dadurch recht schwierig in der Handhabung. Schon ein "entschiedeneres" Zupacken führte zu Verformungen, die erst mühsam wieder beseitigt werden mußten.

Blick auf das Pfeifenwerk vor der Restaurierung

Blick auf das Pfeifenwerk vor der RestaurierungBlick auf das Pfeifenwerk vor der Restaurierung

Blick auf das Pfeifenwerk nach der Restaurierung

Blick auf das Pfeifenwerk nach der Restaurierung

Windlade

Die Restaurierung der Windlade erwies sich ebenso als sehr aufwendig. Die flächig belederte Oberseite wurde durchgängig neu beledert, die Ventile neu belegt und angeschwänzt. Bei früher schon entstandenen Undichtigkeiten waren die Pfeifenstöcke in der Hälfte ihrer Länge fast vollständig durchgetrennt worden. Dies sollte bewirken, daß sie durch die kürzere Länge mittels den vorhandenen hölzernen Stockschrauben besser den Unebenheiten der Windladenoberfläche angepaßt werden konnten. Nach dem Abrichten der Windladenoberflächen wurden die Stöcke wieder auf ihre ursprüngliche Länge gebracht. Abgebrochene oder durch übermäßigen Wurmfraß nicht wieder verwendbare Holzschrauben wurden detailgetreu rekonstruiert.

Blick auf die Windlade ohne Pfeifenwerk und mit teilweise eingebautem Pfeifenwerk

Blick auf die Windlade ohne PfeifenwerkBlick auf die Windlade mit teilweise eingebautem Pfeifenwerk

Balganlage

Die Orgel verfügt über zwei Keilbälge mit dazugehöriger Tretanlage im Turm hinter der Orgel. Die Belederung der Bälge war hochgradig verschlissen und teilweise mehrfach überledert. Die alten Belederungen wurden entfernt, die Oberflächen aufwendig von den nicht originalen Bolusanstrichen befreit. Die Bälge wurden erstmals seit der Fertigstellung des Instrumentes geöffnet und neu beledert. Die als Scharniere verwendeten eingebohrten Pferdeflexen an den Scharnierseiten erwiesen sich als weiterhin verwendbar. Die Falten waren interessanterweise nicht mit eingebohrten Pferdeflexen als Scharniere versehen, sondern nur mit breit ausgefächerten, flach aufgeleimten Pferdeflexen (pro Balg 244 Stück). Diese im Abstand von jeweils 22-24 cm aufgeleimten Flexen mußten größtenteils erneuert werden. Einzelne von ihnen waren jedoch auch nach über 230 Jahren wieder verwendbar. Die stillgelegte Tretanlage wurde wieder gangbar eingerichtet, so dass die Orgel jetzt wieder unter zu Hilfenahme eines Bälgetreters (Calcanten) benutzt werden kann. Zusätzlich erhielt das Instrument erstmalig einen elektrischen Gebläsemotor, der die Bälge mit Wind versorgt. Gewinn und Verlust zugleich. Ein Gewinn dadurch, daß zukünftig für das Spiel der Orgel kein Bälgetreter unbedingt mehr benötigt wird. Dies war bis zum Verstummen des Instrumentes immer noch der Fall gewesen. Andererseits ein Verlust, weil damit eine Besonderheit des Instrumentes aufgegeben wurde. Dieses Zugeständnis an die heute übliche Nutzungspraxis wird jedoch niemand ernstlich beklagen.

Die Bälge in unrestauriertem Zustand

Die Bälge in unrestauriertem Zustand Die Bälge in unrestauriertem Zustand

Die Orgel verfügt über zwei Keilbälge mit dazugehöriger Tretanlage im Turm hinter der Orgel.

Die Bälge während und nach der Restaurierung

Balg und Falten mit erneuerten Pferdeflexen

Blick auf die Balganlage in restauriertem Zustand

Balg mit erneuerter Balgbelederung

Windkanäle,Tremulant, Calcantenglocke

Die Kanalanlage wurde vollständig auseinander genommen und neu abgedichtet. Trotz des schlechten Zustandes in dem sie vorgefundenen wurde, konnte sie nach ihrer Überarbeitung vollständig wieder verwendet werden.

Teile der Kanalanlage vor und nach der Restaurierung

Teile der Kanalanlage vor der Restaurierung Restaurierte Kanalteilstücke mit rekonstruierter Calcantenglockenaufhängung

Der Tremulant vor und nach der Restaurierung

Der Tremulant in ausgebautem und unrestauriertem Zustand Der Tremulant in eingebautem und restauriertem Zustand

Manualklaviatur

Die Manualklaviatur wurde ähnlich wie alle anderen Orgelteile in einem schlechten Zustand vorgefunden. Es fehlten etliche Tastenbeläge. Die Polsterungen waren verschlissen. Im Rahmen der Restaurierung wurden fehlende Untertastenbeläge in Ebenholz und fehlende Obertastenbeläge in Knochen erneuert. Die in einer Zinn-Bleilegierung gearbeiteten filigranen Stirnkantenplättchen waren teilweise nicht mehr vorhanden oder durch starke Metallkorrosion von Zersetzung, bis hin zur Pulverisierung, betroffen. Die fehlenden oder zu stark von Korrosion betroffenen Stirnkantenplättchen wurden nachgegossen. 9 originale Stirnkantenplättchen konnten erhalten werden.

Die Manualklaviatur vor der Restaurierung

Die Manualklaviatur in unrestauriertem Zustand

Die Manualklaviatur nach der Restaurierung

Teilansicht Manualklaviatur in restauriertem Zustand mit rekonstruierten StirnkantenplättchenTeilansicht Manualklaviatur in restauriertem Zustand mit rekonstruierten Stirnkantenplättchen

Ton- und Registertraktur

Sämtliche Teile der Ton- und Registertraktur waren weitestgehend im Originalzustand erhalten. Die Wellen des Wellenbrettes wurden ausgebaut. Lagespiel wurde durch Einsetzen von Achsen größeren Durchmessers reduziert. 4 Wellenärmchen waren abgebrochen und mußten erneuert werden . Im waagerecht verlaufenden Teil der Tontraktur wurden Abstrakten erneuert.

Einblicke in Ton- und Registertraktur nach der Restaurierung

Einblicke in Ton- und Registertraktur nach der RestaurierungEinblicke in Ton- und Registertraktur nach der Restaurierung

Die Intonation

Dem nach unseren heutigen Maßstäben in schlechter Qualität gefertigten Pfeifenwerk war es zuzuschreiben, daß bei Beginn der Arbeiten etliche Zweifel darüber bestanden, in wie weit die Arbeiten zu einem befriedigenden Klangergebnis würden führen können. Die Herstellung des Pfeifenwerkes geschah unter Verwendung von Materialien nicht allerbester Qualität. Die dünnen Wandungen sind mglw. als das Ergebnis von Sparzwängen (bzw. Bemühungen) zu werten. Darüber lassen sich nur Mutmaßungen anstellen. Die schlechte Qualität der Lötnähte ist allerdings eindeutig den mangelnden Fähigkeiten des Herstellers zuzuschreiben. Neben diesen Unzulänglichkeiten des "Ausgangsmaterials" sind im Laufe der Geschichte des Instrumentes irreparable mechanische Schäden entstanden. Die nachfolgenden Reparaturen haben ihrerseits Spuren hinterlassen. Andererseits ist ein Großteil der Pfeifenwerkes offensichtlich recht unberührt geblieben. Dies wiederum bedeutete, einen Schatz vor sich zu haben, den es nur zu bergen und möglichst sensibel wieder zu beleben galt. Den ausführenden Intonateuren lag es am Herzen, möglichst frei vom Zeitgeschmack eine Intonation auszuführen, die sich soweit als möglich dem ursprünglichen Klangbild nähert. Richtschnur bildeten dabei die Vorgaben des Pfeifenwerks und ein Bemühen um Authentizität. Bleibt zu hoffen, dass diese sensible Restaurierungspraxis sich positiv im Arbeitsergebnis widerspiegelt. Hören und erfreuen Sie sich nun selbst an diesem wieder zum Leben erweckten (Klang-) Schatz. Möge ihm noch ein langes Leben beschert sein.

 

Andreas Hahn, Jehmlich Orgelbau Dresden