Ev.-Luth. Kirche zu Redefin


Redefin - Info
Erbauer: Anonymus (1602) / Friese II (1847)
Restaurierung und Rekonstruktion: Jehmlich Orgelbau Dresden GmbH 2008/ Mecklenburger Orgelbau Nußbücker, 2008
Spieltraktur: mechanisch
Registertraktur: mechanisch
Ladensystem: Schleifladen
I. MANUAL C, D, E – c3
1. Bordun
16'

2. Principal
8'

3. Viola di Gamba
8'

4. Octave
4'

5. Octave
2'

6. Mixtur
III

II. MANUAL C, D, E – c3
7. Gedackt
8'

8. Salicional
8'

9. Flöte
4'

10. Trompete
8'
PEDAL C, D, E – d1
11. Subbass
16'

12. Violon
8'

13. Octave
4

14. Posaune
16'
KOPPELN UND SPIELHILFEN
Manualschiebekoppel


Stellenwert des Instrumentes

Mit ihrem hohen Bestand an technischer und klanglicher Substanz aus dem Jahre
1602 bzw. 1676, gehört das Instrument mit zu den ältesten erhaltenen Orgeln weltweit. Insgesamt sind nur wenige Orgelteile aus dem frühen 17. Jh. erhalten geblieben. Das dies geschehen konnte, ist insbesondere dem sensiblen Umgang Friedrich Frieses (II) mit der historischen Substanz zu verdanken. Entgegen herrschendem Zeitgeist transferierte er die erhaltenen Orgelteile mit größtem Respekt in eine neue Orgel. Auf Grund des hohen Anteils an Substanz aus dem 17. Jh. kommt diesem Instrument eine kunstgeschichtlich herausragende Bedeutung zu.

Die Restaurierungsarbeiten an der Redefiner Orgel – oder Von der Bewahrung historischer Vielschichtigkeit

Die Redefiner Orgel wurde in einem unspielbaren Zustand vorgefunden. Der Zahn der Zeit hatte intensiv an ihr genagt. Schmutz, herab gefallener Deckenputz, umgeknickte oder kreuz und quer herumliegende Pfeifen, Nachlässe von Eulen , die zeitweise in ihr gehaust hatten, abgelöste oder fehlende Tastenbeläge, vertrocknete und abgenagte Haut- und Knochenreste als Speisereste weit zurückliegenden Mardermahlzeiten boten dem Auge des Betrachters einen traurigen Anblick. Dreißig Jahre Stillstand, dreißig Jahre Schweigen. Auch zuvor wurde dem Instrument offensichtlich über längere Zeit wenig Pflege zuteil. Unter den abgelösten Tastenbelägen waren Tastenkörper stark abgegriffen, teilweise gar ausgehöhlt – Spuren einer längeren vorangegangenen Nutzung im Zustand des Provisorischen.

Unerhörte Schätze wieder zum Klingen zu bringen gehört mit zu den schönsten und spannendsten Aufgaben eines Orgelrestaurators. Dem lang anhaltenden Schweigen haftet die Aura der angespannten Neugier auf die in ihm schlummernden Klänge an. Das vermeintliche Chaos der umgestürzten Pfeifen weckt die Hoffnung auf einen klanglichen Kosmos. Dieser kann uns nach dessen Wiederbelebung zurückversetzten in längst vergangene Zeiten. Der Atem der Geschichte weht spürbar in unser Leben hinein.

Dass wir mit der Redefiner Orgel über Teile verfügen, die über vierhundert Jahre alt sind, haben wir zu einem guten Teil dem sensiblen Umgang Friedrich Frieses (II) mit der ihm anvertrauten historischen Substanz zu verdanken. Entgegen herrschendem Zeitgeist transferierte er die erhaltenen Orgelteile der Schweriner Schlosskirche mit größtem Respekt in eine neue Orgel und ergänzte den Registerbestand behutsam. Ende des 19. Jh. wurden zwei Register Frieses gegen Doppelflöte 8’ und Salicional 8’ ausgetauscht.

Zum Restaurierungsziel wurde die Konservierung des Zustandes Friese 1847 erklärt. Lediglich die beiden verloren gegangen Register Frieses sollten rekonstruiert werden.

Im Rahmen der Untersuchungen am Instrument erweiterte sich der Kenntnisstand über die von Friese II 1847 nicht wieder besetzten Registerschleifen aus dem 17. Jh.. Die Besetzung der zwei nach 1847 veränderten Register Friese II konnten jedoch nicht hinreichend geklärt werden. Archivunterlagen, die Auskunft über die ursprüngliche Disposition hätten geben können, sind nach heutigem Kenntnisstand leider nicht vorhanden. Abwägend zwischen Rückführung auf eine hypothetische ursprüngliche Besetzung und dem Erhalt des gewachsenen Bestandes, fiel die Entscheidung zumindest partiell zu Gunsten des Bestanderhaltes. Lediglich ein Register wurde zurückgeführt. Anstelle von Doppelflöte 8’ wurde eine Trompete 8’ nach Friese rekonstruiert. Das Salicional 8’ bleibt erhalten. Dass es sich zweifelsfrei bei Friese II um ein Zungenregister gehandelt hat, wurde nach dem Ausbau der Doppelflöte durch die Entdeckung von Bohrungen von Halterstiften zur Befestigung von Zungenbechern bestätigt

Die nach strengen denkmalpflegerischen Kriterien durchgeführte Restaurierung und Rekonstruktion hatte zum Ziel, das Instrument unter Verwendung aller dem Bestand aus dem 17. Jh. und Friese II zuzuordnenden Orgelteile wieder spielbar zu machen, um es für Gottesdienste und Konzerte störungsfrei nutzbar zu machen und damit seiner Bedeutung gemäß wieder zur Geltung zu bringen. Die dem Instrument zu Grunde liegenden Intentionen des 17. Jh. und Frieses Umgang im Zusammenhang mit dem Umbau genossen dabei höchste Priorität. Auf Grund der immensen Bedeutung der Orgelteile aus dem 17. Jh. wurde als ein unerlässlicher Schwerpunkt der Arbeit Wert auf eine ausführliche Dokumentation des Pfeifenwerkes und der Restaurierungsschritte gelegt.

Bei den Manualklaviaturen handelt es sich vermutlich um die ältesten in Deutschland erhaltenen Orgelklaviaturen. Mit ihren Tastenbelägen aus exotischem Schlangenholz stellen sie eine große Besonderheit dar. Beim Orgelumbau, noch in der Schweriner Schlosskirche, wurden die Umfänge erweitert. Die ist schön ablesbar an den beiden ergänzten Untertasten im Diskant. Diese verfügen zwar über liebevoll nach gestaltete, doppelt gekehlte Stirnkanten, in ihrer Kontur reichen diese bei genauerem Hinsehen jedoch nicht vollständig an die filigrane Ausführung der originalen Tastenstirnkanten heran. Diese sind seitlich so dünnwandig gestaltet, dass Fehlstellen nur schwerlich zu ergänzen sind. Kleinere ausgebrochene Stellen wurden daher beibehalten. Sie sind als Gebrauchsspuren Teil der natürlich gewachsenen Patina und tragen zur Ausstrahlung des Instrumentes ihren Teil bei.

Die fehlenden Tastenbeläge aus Schlangenholz wurden ergänzt. Noch sind diese auf Grund des heller scheinenden Holzes gut sichtbar. Unter Einfluss von Licht dunkeln diese jedoch schnell nach, so dass in Bälde mit einer Angleichung an die dunkleren originalen Tastenbeläge zu rechnen ist. Brandspuren auf den Intarsien der seitlichen Klaviaturbacken, die vermutlich von abgebrannten Kerzen stammen, wurden durch neu eingesetzte Furniersegmente verschlossen.

Der Rahmen der Pedalklaviatur aus Eiche stammt ebenso aus der Erbauungszeit der Orgel. Die Tasten wurden von Friese II jedoch der veränderten Trakturführung geschuldet in Kiefer neu gebaut. Eine Taste wurde in gebrochenem Zustand vorgefunden. Von der ursprünglichen Pedaltrakturführung ist ablesbar, dass diese über Stecher nach unten abgeführt wurde.

An den Manualklaviaturen und der Pedalklaviatur wurden sehr zurückhaltend restauratorische Arbeiten ausgeführt. Es galt, ihre Funktion uneingeschränkt wieder herzustellen, „kosmetische“ Eingriffe, die dazu dienen würden , sie wieder neu aussehen zu lassen, jedoch zu unterlassen.

Das Pfeifenwerk lässt sich unterschiedlichen Erbauern zuordnen und doch bleiben genügend Fragen deren Herkunft betreffend offen. Das Pfeifenwerk Lütkemüllers grenzt sich klar ab vom Pfeifenwerk Friese II. Beide wiederum vom überlieferten Pfeifenbestand aus dem 17.Jh. Innerhalb des Bestandes des 17. Jh. lies es sich jedoch nicht eindeutig klären, welche Pfeifen aus dem Jahre 1602 stammen und welche möglicherweise 1676 von Schütze hinzu gefügt wurden. Unklar bleiben auch die zeitliche Zuordnung der Posaune 16’. Die Qualität der Holzarbeiten fällt gegenüber der Qualität der Holzpfeifen Frieses stark ab. Diese sind in hervorragender Weise gefertigt und lassen Rückschlüsse auf den Einsatz von Maschinen zu deren Herstellung zu. Die Posaune 16’ zeigt vielerlei Spuren von nachlässig ausgeführter manueller Arbeit auf. Die Becher wurden zweifelsohne nicht für diese Orgel gebaut. Sie weisen Spuren einer zurückliegenden anderen Halterung auf. Denkbar ist, dass die Posaune wesentlich älteren Herstellungsdatums ist und von Friese wieder verwendet wurde. Vielleicht stammt sie gar ebenso aus dem 17.Jh. Ihr kleinster Becher ist als einziger Becher in stark bleihaltigem Metall gefertigt mit Bearbeitungsspuren, die auch das Metallpfeifenwerk aufweist. Ein weiterer Becher in Holz ist absonderlich „zusammengestückelt“. In Analogie dazu verfügt das eindeutig aus dem 17. Jh. stammende Pedalregister Octave 4’ ebenso über zwei „absonderlich“ ergänzte Pfeifen auf. C und D sind uneinheitlich in Holz gefertigt, gerade so, als wären sie als beliebige, zum Zeitpunkt der Suche nach geeigneten Pfeifen greifbare und annähernd geeignete Ersatzpfeifen von Friese eingebaut worden. Ausdrücklich für diese Orgel gebaut wurden sie ganz sicher nicht, bewusst eingebaut jedoch sicher. Der qualitative Unterschied zwischen den Holzpfeifen und den Holzteilen der Posaune ließe sich jedoch auch dadurch erklären, dass Friese die Holzpfeifen als Zulieferteile bezogen hat. Nachweisen ließ sich dies jedoch bisher nicht. Die in der Orgel erhaltenen Holzpfeifen aus dem 17. Jh. des Gedact 8’ sind in Eiche gefertigt und von hervorragender Güte. Auch ihre Qualität hebt sich sehr von den Verarbeitungsmängeln der Posaune 16’ ab und lässt nur schwerlich Rückschlüsse auf die gleiche Erbauungswerkstatt zu.

Neben der Beseitigung von Schäden wurde das Pfeifenwerk ausführlich dokumentiert. Jede Pfeife wurde in ihren wichtigsten Abmessungen erfasst. Von ausgewählten Einzelpfeifen wurden Legierungsanalysen angefertigt. Das Pfeifenwerk aus dem 17. Jh. ist hochprozentig bleihaltig. Der niedrigste Wert von 78 % Blei ist in der Mixtur zu finden. Der höchste Wert mit 98 % im Bordun 16’. Die Metallpfeifen der Gambe 8’von Friese wiesen im Vergleich dazu 48 % Blei auf.

Eine der Problemzonen bei der Restaurierung des Pfeifenwerkes stellten die Fußspitzen des Pfeifenwerks aus dem 17.Jh. dar. Dieses wiesen auf Grund von Metallkorrosion stellenweise Auflösungsrescheinungen auf. Das stark bleihaltige Material zersetzt sich pulverförmig. Das ist kein neues Phänomen im Orgelbau. Bereits im 17.Jh. wurde dies als „Salpeterfraß“ bezeichnet. Etliche Pfeifen waren bereits während zurückliegender Reparaturabeiten mit übergestülpten Metallkappen versehen worden. Diese, als sehr alt anzusehenden Reparaturarbeiten, wurden belassen. Bei den in Auflösung begriffenen Pfeifenfüßen wurden neue Fußspitzen angesetzt.

Die Intonation des Pfeifenwerkes wurde mit Spannung erwartet. Wie würde insbesondere der älteste Teil des Pfeifenwerkes klingen? Friese II schien, abgesehen von dem Umstand, dass er es partiell neu zusammengruppierte, sorgsam damit umgegangen zu sein. Kernspalten und Fußöffnungen in ausgewogenem Verhältnis zu einander. Füße offen, Kerne fast gänzlich ohne Kernstiche. Ein äußerst selten anzutreffender Fund. Es wurde von uns wert darauf gelegt, dies an zukünftige Generationen unverändert weiterzureichen. Entsprechend klingt das Pfeifenwerk: Alt und eigenständig mit individueller Ausprägung einer jeden Pfeife, die keiner klanglichen Glättung unterzogen wurde, nur ihren Platz in der Abfolge der Tonreihe zugewiesen bekam. Der Registerbestandbestand des 17.Jh. klingt warm und weich in der dankbaren Akustik des Kirchenraumes. Der neue Prospekt ist entsprechend eingepasst. Einzig das Register Salicional 8’ des späten 19.Jh. ragte heraus, in einer Stärke, von der nicht vorzustellen war, dass es damit seiner ursprünglichen Bestimmung jemals entsprochen haben sollte. Es wurde in seiner Intensität gemildert.

Auch dies geschah reversibel.

Die vorgefundene Tonhöhe wurde beibehalten. Als Temperierung wurde Neidhardt II 1729 gewählt. Das begradigte Pfeifenwerk ließ keinerlei einheitliche Tendenzen einer einstmals möglicherweise vorhandenen ungleichstufigen Temperierung erkennen. Die gewählte Temperierung versucht einen Kompromiss zwischen der vermutlich von Friese II gewählten gleichstufigen Temperierung und der im 17. Jh. vermutlich vorhandenen stark abweichenden ungleichstufigen Temperierung darzustellen.

Bei den Reinigungsarbeiten tauchte im Unrat das zur Orgel gehörige, und vermutlich von Friese II stammende, Stimmwerkzeug für die beiden Zungenregister auf. Es weist die Form eines geschmiedeten kleinen Hammers auf. Das untere Stielende ist als Schraubendreher ausgeformt. Zahlreiche Abdrücke des Hammerkopfes befinden sich auf dem Tragbalken der Windlade. Spuren von Stimmarbeiten an Trompete und Posaune. Mit dem Aufschlaggeräusch des Hammerkopfes auf dem Holz signalisierte Meister Friese im Innern der Orgel dem Tastenhalter am Spieltisch, dass der angehaltene Ton nun gestimmt ist und die nächste Taste für den darauffolgenden zu stimmenden Ton zu drücken ist. Wortlose Verständigung. Zeichen für etwas Abgeschlossenes und Aufforderung weiterzuschreiten in einem. Obwohl wir uns über diese Hinterlassenschaften zurückliegender Aktivitäten in der Orgel freuen, trauen wir uns aus Achtsamkeit heute nicht mehr diese Art von Zeichen der Nachwelt zu hinterlassen.

Doch so wie das längst verhallte Pochens auf Holz für Leben und Voranschreiten steht, so freuen wir uns, wenn nach drei Jahrzehnten Schweigens nun wieder häufig und für lange Zeit die Orgel ihrer Bestimmung gemäß erklingt. Nicht wir sind es die Spuren in der Orgel hinterlassen wollen, sondern sie sollte es in uns mit ihren Klängen tun.

Andreas Hahn, Jehmlich Orgelbau Dresden

Die Restaurierungs- und Rekonstruktionsarbeiten fanden in Kooperation mit dem Mecklenburger Orgelbau Wolfgang Nußbücker, Inh. Andreas Arnold statt.

Die Orgelweihe erfolgte am 13. Juli 2008